17. August 2017 Manu Schlichtling

Ein Lindauer Blick auf Lenins Imperialismus-Studie

Wladislaw Hedeler und Karl Schweizer

Wladislaw Hedeler und Karl Schweizer

Dr. phil. Wladislaw Hedeler stellt seine aktuelle kritische Neuausgabe vor

Lindau (manu) - Erfrischend unverblendet und unromantisch, vielmehr wissenschaftlich emotionslos stellte Dr. phil.  Wladislaw Hedeler auf Einladung der Bunten Liste Lindau und der Linken im Landkreis seine 2016 erschienene Neuauflage von Wladimir Iljitsch Lenins „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ im Landgasthof Köchlin vor.

Die beiden Autoren Wladislaw Hedeler und Volker Külow, beides Doktoren der Philosophie, Historiker und Publizisten, wollten Lenins im Schweizer Exil 1916 entstandenes Werk auch mit Blick auf den 100. Jahrestag der russischen Revolution 1917 genauer untersuchen und tauchten dabei tief in die Imperialismus-Forschung ein. Die Öffnung der russischen Archive in den 90er Jahren und die Tatsache, dass Hedeler die russische Sprache perfekt beherrscht, waren weitere Anstöße, für die kritische Neuausgabe, die den neusten Forschungsstand spiegelt. „Wir verstehen unser Buchprojekt als Teil des von Linken unternommenen Versuchs, Lenin erneut und frei von ideologischen Vorgaben und  Schablonen zu lesen. Wir waren nicht die ersten und sind auch nicht die letzten, die mit einem derartigen Versuch angetreten sind“, beschrieb Wladislaw Hedeler in Lindau die Beweggründe zum Projekt. Herausgekommen ist ein verständliches und klar aufgebautes Werk mit Ergänzungen, Erklärungen, Essays und Quellennachweisen, das in keinem Bücherregal zur Volks- und Weltwirtschaft fehlen sollte, und das Einsteigern wie auch Kennern der Thematik jede Menge Stoff bietet.

Wladimir Iljitsch Lenin,  eigentlich Wladimir Iljitsch Uljanow (geboren 1870, gestorben 1924),  war ein russischer kommunistischer Politiker und Revolutionär sowie marxistischer Theoretiker, Vorsitzender der Bolschewiki-Partei und der aus ihr hervorgegangenen Kommunistischen Partei Russlands (1912–1924), Regierungschef der Russischen SFSR (1917–1924) und der Sowjetunion (1922–1924), als deren Begründer er gilt. Er schloss sich als junger Mann den marxistischen Sozialdemokraten an und widmete sich der Untergrundarbeit für eine kommunistische Revolution in Russland. Mehrmals musste er ins Exil emigrieren, die meiste Zeit in die Schweiz. 1903 gründete er eine eigene Fraktion in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die Bolschewiki, die spätere Kommunistische Partei Russlands. Nachdem Anfang 1917 in Russland die Monarchie in einer bürgerlichen Revolution gestürzt worden war und die neue Regierung an Russlands Beteiligung am Ersten Weltkrieg festhalten wollte, eroberten die Bolschewiki unter Lenins Führung in der Oktoberrevolution die Macht. Lenin beschäftigte sich bereits in jungen Jahren mit verschiedenen politischen Theorien. Einerseits setzte er sich kritisch mit den russischen „Bauernsozialisten“ oder „Volkstümlern“, die eine eigene Variante des Sozialismus propagierten, und andererseits mit den Thesen von Karl Marx, die er bereits theoretisch interpretierte, auseinander. Lenin hielt Russland für wirtschaftlich und sozial fortgeschrittener als es tatsächlich war, sodass er an eine baldige proletarische Revolution glaubte. Für ihn hatte sich das imperialistische System zerlegt und war am Ende, dessen Zusammenbruch wurde mit dem Weltkrieg augenscheinlich. Das Kapital war für ihn „verfault“, an seine Stelle musste etwas Neues treten. Lenin entwickelte eine Strategie, die von den Extremen her gedacht und konzipiert wird. Einen Mittelweg gab es für ihn nicht. 

„Wir haben im Buch Fragen formuliert, aber nicht beantwortet“ sagt Hedeler. „Leider fehlt bis zum heutigen Tag eine Wortmeldung von Wirtschaftshistorikern oder Politökonomen zu den von Lenin ausgewerteten und im Buch erstmals ausführlich vorgestellten Quellen“. Mit Blick auf die in Lindau stattfindende Tagung der Wirtschaftswissenschaftler bemerkt der Autor: „Ich glaube kaum, dass das Lindauer Nobelpreis-Forum zur Klärung beitragen kann“.

Verblüffend aktuell mutet eine von Lenin verwendete Passage aus dem Werk von John Hobson an, die Lenin mit der Bemerkung „China kann erwachen“ zitierte und die bei den Lindauer Zuhörern für sprachloses Staunen sorgte: „Es ist zumindest vorstellbar, dass China auf diese Weise den Spieß gegen die westlichen Industrieländer umkehren und – deren Kapital und Organisatoren übernehmend, oder, was wahrscheinlicher ist, sie durch eigen ersetzend, - die Märkte der westlichen Länder mit seinen billigen Erzeugnissen überschwemmen könnte, wobei es ablehnt, deren Importe im Austausch zu übernehmen, und die Bezahlung dadurch sichert, dass es deren Kapital mit Beschlag belegt und so den früheren Prozess der Kapitalanlage umkehrt, bis es allmählich die finanzielle Kontrolle über seine ehemaligen Beschützer und Zivilisatoren erlangt. Dies ist keine müssige Spekulation“.

Lenin hat, so der Autor, den imperialistischen Zerfall in einer Schärfe beobachtet und dargestellt, den er bei der heutigen Informationsflut oft schmerzlich vermisse. Lenin erkläre mehr über die Krisenregionen der Welt als viele der heutigen Reportagen und Berichterstattungen. Die Frage, warum trotz alledem die bürgerlichen Revolutionen nicht weltweit in eine überzeugende sozialistische Revolution übergeleitet werden konnten, bleibt aber auch in Lindau unbeantwortet.

Info:
Wladislaw Hedeler und Volker Külow: „Lenin – Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, erschienen im Mai 2016 im Verlag 8. Mai, 

Quelle: http://www.xn--die-linke-allgu-elb.de/nc/presse/aktuell/detail/artikel/ein-lindauer-blick-auf-lenins-imperialismus-studie/